BELBA!!!

Wenn andere Menschen He-Man beschreiben, dann fällt erstaunlich oft das Wort „tiefenentspannt“. Er ist so ein Typ Kind, das irgendwie in sich ruht, sich gerne selbst beschäftigt und generell häufig mit der Welt einfach zufrieden scheint. Scheint. Denn im Moment hat He-Man etwas, dass ihn so richtig aus der Bahn wirft. Autonomiephase wäre vermutlich das passende Wort. Die grenzen zu Trotz und Bockigkeit sind allerdings durchaus fließend.

Natürlich: Es war schon ganz schön komfortabel, dass er sich als der Kleine gerne in Trage oder Buggy überall hinschleppen ließ und dabei doch relativ selten Unmut über die Situation äußerte. Das holt er allerdings gerade kräftig nach und das ist für alle Beteiligten extrem unkomfortabel, weil er seinen Willen gerne durch besonders langes und lautes Schreien bekräftigt. Er weiß vor lauter Wut oft gar nicht wohin mit sich. In einer Familie mit vier Menschen kann sich aber leider nicht immer alles nach demjenigen richten, der am lautesten schreit.

Vergangenen Woche wollten wir zum Beispiel zu einer neuen Spielgruppe im Wald gehen. Weil ich ihn nicht mit dem Laufrad fahren lassen wollte (unbekanntes Gelände und Ziel, teile gefrorenen, teils getaute Wege) fing er an zu schreien und wollte auch nicht zu Fuß weitergehen. Das MiniMi und ich wollten allerdings durchaus vorwärts kommen. To cut a long story short: Im Endeffekt musste ich ihn, aus diversen Gründen, am Jackenärmel eine Dreiviertelstunde nach Papa schreiend hinter mir her durch den Wald und zurück zum Wagen schleifen. Die Spielgruppe haben wir nicht gefunden, jedes Eichhörnchen im Wald hat vermutlich seine sieben Sachen gepackt und zum Schluss saßen wir alle unverrichteter Dinge wieder im Auto. Ich war klatschnass geschwitzt und schlimmer am Heulen als er.

Zur Autonomiephase gehört natürlich auch, dass er gerne bestimmen möchte, was er tut. Wann immer wir versuchen ihn bei einer Tätigkeit zu unterstützen ruft er lauthals „BELBA!!!“ (Selber). Und natürlich darf er alles was im Rahmen des Möglichen liegt selber machen. Zu gerne möchte er aber auch bestimmen, was er nicht selber macht. Und da gehört alles aus dem mannigfaltigen Bereich der Bekleidung hinzu. Zuhause täuscht He-Man gerne vor, er könne sich kein bisschen alleine anziehen – ja, quasi nicht mal einen einzelnen Strumpf vom Boden anheben.  Ich vermute schon lange, dass das eher Bequemlichkeit ist oder besser gesagt: die Freude daran, ein bisschen betüddelt zu werden. Der Kindergarten hat ähnliches beobachtet: Ist He-Man ohne seine Schwester da oder sie ist einem anderen Raum beschäftigt, kann er sich mit wenig Hilfe gut anziehen. Sobald er aber das MiniMi in der Nähe weiß, setzt er sich gemütlich hin und wartet darauf, bis sie ihn ankleidet. (Beide bestreiten das auf Nachfrage natürlich vehement. Ist klar.)

Schon eine Weile bestehe ich deshalb darauf, dass He-Man beim An- und Ausziehen erst einmal selbst tätig wird und ich ihn auf Anfrage unterstütze. Heute ist dieses Anliegen dann mit seiner Mittagsmüdigkeit und unserer goldenen Heimkehrregel („Schuhe ausziehen, Jacke ausziehen, Hände waschen“) kollidiert. Zuerst hat er eine Viertelstunde geschrien, weil er nicht allein die Schuhe ausziehen wollte: „Kannichnochnich! Kannichgarnich!“ jammerschallte es immerfort aus dem Flur. Aber ich finde, es ist nicht zu viel verlangt, dass er zumindest ansatzweise versucht, den Klettverschluss zu öffnen. Da bin ich dann auch ein bisschen stur. Als er sich endlich überwinden konnte, hatte er sogar einen guten Einfall: Mithilfe des Kinderschuhlöffels hatte er den ersten Schuh bereits komplett abgelegt.

Leider beging ich dann den ultimativen Kardinalsfehler: Aus Freude über seine Initiative unterstütze ich ihn dabei, den zweiten Schuh vom Fuß zu entfernen. Oh je! Den wollte er doch auch „BELBA“ machen! Ich hätte es ahnen können. Und schon wieder ging das Gebrüll los. Meine Ohren klingelten ein bisschen und mein innerer Zen-Meister bereitete schon sein Kündigungsschreiben vor, während He-Man weiter Schreizeterte. Plötzlich stand er in der Küchentür: Da hatte er sich vor lauter Trotzigkeit über meine ungewollte Hilfe beim Ausziehen tatsächlich wieder beide Schuhe angezogen. Alleine. Richtig herum.

Ich übe mich deshalb fürs erste weiter in geduldigem Durchatmen und freue mich ja auch ein bisschen daran, dass er groß und selbstständig wird. Autonomie ist toll und wichtig. Aber He-Man soll bitte morgen früh nicht wieder anfangen was von „Kannichgarnich!“ zu erzählen, wenn es zum Schuhregal geht.

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