Schusters Leisten

Weil es gerade durch meine Twitter-Timeline geistert, geistert das Thema auch durch meinen Kopf: Die Alleingeburt. Es gibt Frauen, die bekommen ihre Kinder freiwillig ganz allein, ohne Arzt oder Hebamme. Zuhause oder im Wald. Weil sie das so wollen. Weil das natürlich ist und schon immer so war.
Wie aberwitzig das ist, wo immer noch viele Frauen auf der ganzen Welt vermutlich ihren linken Arm hergeben würden für ein kleines bisschen medizinische Versorgung –  geschenkt. Was mir durch den Kopf spukt ist eine ganz anderer Gedanke.

Ich habe nämlich einen Beruf. Ein Beruf, der auf den ersten Blick gar keine besondere Fähigkeit erfordert. Ein bisschen telefonieren, ein bisschen organisieren, aber hauptsächlich lesen und schreiben. Jetzt ist es so, dass (so gut wie) jedes Kind schon in der ersten Klasse lesen und schreiben lernt. Und so kam es auf der Arbeit relativ häufig vor, dass fachfremde Kollegen der Meinung waren, meinen Job besser zu können als ich. Tja. Leider (oder glücklicherweise) besteht das Geheimnis darin, wie man liest und schreibt. Hilfreich sind ein bisschen Begabung, Erfahrung und der ein oder andere Kniff. Nur die Buchstaben zu kennen, reicht eindeutig nicht aus.

Und jetzt stelle ich mir mal vor, ich wäre Hebamme oder Arzt. Da sind Schwangere, die denken, sie informieren sich gründlich und dann wird bei der Geburt schon alles glatt laufen und wenn nicht, dann schaffen sie es, die Situation richtig einzuschätzen und für Hilfe zu sorgen. Professionelle Geburtshelfer bringen Jahre mit Lehre, Studium und Arbeit zu, um sich das entsprechende medizinische Fachwissen und Berufserfahrung anzueignen. Da wäre ich an deren Stelle vollkommen zu Recht richtig angepisst, wenn da jemand gerne nur auf sein Körpergefühl vertrauen will. Wenn nämlich was schief geht, dürfen die Ärzte anschließend vermutlich versuchen, das Kind irgendwie wieder aus dem sprichwörtlichen Brunnen zu holen.

So ganz persönlich bin ich ja ein Freund interventionsarmer Geburten. Als total wissenschaftsgläubiger Mensch habe ich z.B. trotzdem zweimal im antroposophischen Hospital entbunden – aber mit OP neben dem Kreissaal und Neonatologie im gleichen Haus. Das zweite Kind ist dort auch so einfach auf die Welt gepurzelt, ohne das Fachpersonal eine Hand angelegt hätte. Aber sie hätten es im Notfall tun können. Ich bin nämlich weder Arzt noch Hebamme – ich kann nur lesen und schreiben.

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