He-Man, der Profi

„Als hätte er nie was anderes gemacht“ lautet das Urteil der Erzieherin über He-Man und wie er sich so im Kindergarten eingelebt hat. Vor gut zwei Wochen brachte ich ihn zum ersten Mal morgens mit in die Einrichtung als Kindergartenkind. Mit seinem kleinen tornisterartigen Rucksack, in kurzer Hose mit Kniestrümpfen und Hemd, sah er plötzlich richtig groß aus. Und auch wenn er noch nicht viel redet, so hat er doch immer ganz begeistert genickt, wenn wir gefragt haben, ob er auch bald in den Kindergarten gehen will.

Durch das MiniMi kannte er sich dort natürlich schon aus: Er hatte das Team dort schon getroffen, wusste wie die Räume aussehen. Trotzdem waren wir ja immer nur kurz zum Bringen oder Abholen dort gewesen. Hinzu kommt, dass He-Man bislang kein Fan von Fremdbetreuung war. Oder eher ein Feind. In den letzten Monaten hatte er zumindest die Großeltern als akzeptable Bezugspersonen ins Herz geschlossen. Aber bei einer Freundin, die ihn vom allerersten Tag seines Lebens kennt und mindestens jede Woche (wenn nicht öfter) sieht, fing er stets an zu weinen sobald ich auch nur aufs Klo wollte. Von den Erzieherinnen nach einer Prognose gefragt, wie die Eingewöhnung wohl werden wird, konnte ich deshalb nur sagen: Ich habe keine Ahnung.

Und dann hat He-Man uns allen gezeigt, was für ein großes, selbstständiges Kind er eigentlich schon ist. Am ersten Tag saß ich zwei Stunden komplett unbeachtet in der Gaderobe. Die einzige, die sich irritiert zeigte, war das MiniMi. Sie konnte nicht verstehen, dass ich bleibe, falls He-Man mich braucht, und dass ich nicht zum Spielen mit rein komme. Da war sie richtig traurig.

Am nächsten Morgen wollte das MiniMi auch gar nicht, dass ich noch bleibe. Sie versuchte regelrecht mich aus der Gruppe zu komplimentieren. Kurz mit der Gruppenleiterin abgesprochen und dann die Rucki-Zucki-Variante gewagt: Von beiden Kindern verabschiedet, viel Spaß gewünscht und raus zur Tür. Draußen habe ich gewartet, ob alles okay ist. Nach zwei Minuten steckte eine Erzieherin den Kopf heraus: He-Man hatte kurz geweint und spielte schon.

Mittwochs sollte He-Man dann auch zum Mittagessen bleiben. Morgens wieder das gleiche Prozedere – nur dass He-Man ja wusste was kam und schon vorsorglich in der Garderobe einen Flunsch zog. Donnerstag, Freitag und Montag weinte er schon ein bisschen zuhause, bevor wir zum Kindergarten fuhren.

Jetzt sagen bestimmt alle: Oh, wie furchtbar! Das Kind soll auf keinen Fall weinen, es hat noch keine Bindung zu den Erzieherinnen, es kriegt Angst vor dem Kindergarten usw. usf. Ich musste auch erstmal schlucken, als er weinte –  vor allem als er schon zuhause so ein todtrauriges Gesichtchen zog. Aber ich wollte, dass er sich an den Kindergarten gewöhnt, und ich wollte zuversichtlich sein, denn nur so konnte ich ihm Zuversicht vermitteln. Aber Trennungsschmerz ist normal. Klar, war er traurig, weil er sonst den ganzen Vormittag mit Mama zusammen sein konnte. Das habe ich ihm auch so gesagt. Ich habe ihm aber auch gesagt, dass Mama viel Arbeit hat und nicht immer mit ihm spielen kann. Und dass er im Kindergarten die gaaaaaanze Zeit toll mit anderen Kindern spielen, basteln und toben darf. Geholfen hat mir dabei, dass er immer viel gefasster war, wenn ich ihn in die Kita getragen haben, und dass ich wusste, dass er sich ganz schnell beruhigt, wenn er beim Abschied nochmal traurig war.

Ab Dienstag vergangener Woche macht er auch seinen Mittagsschlaf im Kindergarten und seitdem ist der Knoten endgültig geplatzt: Er spaziert morgens in die Gruppe als wäre das schon immer so gewesen und schläft Mittags wie ein Stein auf seiner kleinen rosa Matratze im Schlafraum. Mein kleiner großer Sohn! Da hätte ich nie mit gerechnet und es ist einfach grandios.

Und was heißt das für Mama? Heute war Tag 11 meiner freien Vormittage. Einen Tag davon habe ich mich arbeitssuchend gemeldet. Einen anderen hatte ich mir nur für mich frei genommen, war bummeln und beim Friseur. Einen weiteren habe ich vor der Nähmaschine gehockt.Generell habe ich noch Mühe, so richtig in die Puschen zu kommen. Nach dreieinhalb Jahren Nonstop-24-Stunden-Kinderbetreuung bin ich platt. Die Akkus sind leer, meine Gedanken purzeln durcheinander, mein Körper ist müde. Und so sitze ich bislang einen guten Teil der Zeit vor dem Fernseher und bingewatche Serien. Zwischendurch lässt mich mein schlechtes Gewissen durch die Bude rennen, Wäsche waschen oder seit Langem ungeputzte Flecken putzen, um dann wieder aufs Sofa zu plumpsen. Ich glaube, ich brauche noch ein bisschen mehr Zeit für mich und ein bisschen weniger schlechtes Gewissen, bis ich wieder etwas mehr Energie finde. Aber jetzt habe ich ja die Zeit dafür.

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Ein Gedanke zu “He-Man, der Profi

  1. Ich kann es dir nur wärmstens empfehlen, diese Zeit so gut es geht zu genießen udn auch einfach mal nix zu tun! Nachdem eine Menge liegen gebliebenes abgearbeitet ist, kommt der Alltag und das „Ich hab soooo viel Zeit – toll!!“-Gefühl leider viel zu schnell abhanden.

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