OP und Krankenhaus – An der Seite des Kindes

Die wunderbare und kluge Nadine vom Buntraum hat einen sehr guten Text darüber geschrieben, wie Eltern ihr Kind bei einer OP begleiten können.
Sie fragt in dem Artikel auch nach hilfreichen Tipps anderer Eltern. Das MiniMi hatte den gleichen Herzfehler wie ihr Sohn und ist auch fast im gleichen Alter operiert worden. Ich kann euch also auf jeden Fall sagen, dass der Artikel von Nadine Gold wert ist. Gerne möchte ich euch aber auch von unserer OP-Erfahrung berichten, über die ich – wie ich gerade feststellen musste – noch gar nicht detailliert geschrieben habe hier im Blog.

Sommer 2012: Das MiniMi ist gerade gute fünf Monate alt, als es Zeit wird, ihren Herzfehler zu beheben. Das Loch im Ventrikelseptum wächst nicht zu, Herz und Lunge werden durch den entstehenden Druck zu stark belastet. Ein OP-Termin im Kinderherzzentrum Bad Oeynhausen wird festgelegt, eine Woche Krankenhausaufenthalt steht dem MiniMi bevor. Da der Mann noch studiert sind wir in der glücklichen Lage beide die gesamte Zeit vor Ort zu sein.

Am ersten Tag finden erstmal Voruntersuchungen und Arztgespräche statt. Die Station ist voll, sehr sehr voll. So verbringen wir fast die gesamte Zeit mit Warten im Spielbereich der Etage. Erst gegen Abend erhalten das MiniMi und ich einen Platz in einem Mutter-Kind-Zimmer. Der Mann bekommt vom Krankenhaus einen Pensionsplatz vermittelt.

Das ist ein Punkt, den man als Eltern vorher erfragen kann: Gibt es Eltern-Kind-Zimmer? Gibt es Unterkunftsmöglichkeiten für den anderen Elternteil? Wir hatten das große Glück, dass sich das Herzzentrum sehr gut um die Eltern kümmert. Ich weiß nicht, wie das in anderen Kliniken ist.

Wir führen ein erstes Gespräch mit einer Krankenschwester, die sich ausschließlich um die sozialen Belange der Eltern kümmert. Sie leitet zum Beispiel die Zimmervermittlung in die Wege, gibt uns einen Ausweis für die Kantine, erklärt uns, was am Tag der OP mit dem MiniMi passiert. Zu den Voruntersuchungen gehört ein EKG, Ultraschall und Röntgen. Bei letzterem können wir leider nicht dabei sein und müssen draußen warten. Wir hören das MiniMi herzzerreißend schreien.

Generell bleibe ich bei meinen Kindern bei allen Untersuchungen und Prozeduren dabei, solange das anwesende Fachpersonal keine wirklich guten Gründe dagegen vorbringen kann. Ich bin mir heute noch nicht sicher, ob es eine gute Idee war, nicht doch darauf zu bestehen mit zum Röntgen reinzugehen. Zum eigentlichen Röntgenvorgang muss man den Raum ja eh verlassen. Ich wünschte, ich hätte das MiniMi trotzdem bei dieser fiesen Prozedur begleitet. Wer gute Nerven hat kann diesen Link anklicken.

Ebenfalls am Vortag finden die chirurgischen und anästhetischen Vorgespräche statt. Ersteres ist sehr ausführlich und beruhigend, letzteres versucht der junge, gestresste Arzt zu schludern. Eine Schwester bringt mir nur die Bögen zum Unterschreiben. Ich weigere mich und bestehe auf dem Gespräch, das dann tatsächlich noch am späten Abend stattfindet, als das MiniMi schon schläft.

Ich kann nur raten, wirklich alle Fragen zu stellen, die einem einfallen. Wir haben sogar gefragt, was passiert, wenn die Herz-Lungen-Maschine ausfällt. (BTW: Die kann sogar per Handkurbel betrieben werden) Und der Mann klatschte dem jungen Anästhesisten sogar an den Kopf „Sie machen aber nicht die OP, oder?“. 

Mit unserem gewohnten Abendritual habe ich das MiniMi sogar trotz Gitterbett und Zugang im Kopf zum Schlafen gebracht. Der Mann schafft es kaum , ihr Gute Nacht zu sagen, weil ihm der Anblick das Herz bricht. Ich stelle mir den Wecker, damit sie in der Nacht noch einmal trinken kann, bevor sie nüchtern bleiben muss. Leider mag sie genau dann nicht gestillt werden. Als sie schließlich durstig wach wird, darf sie nicht mehr. Damit sie trotzdem Flüssigkeit bekommt, wird sie an eine Infusion angeschlossen. Ich bitte den Pfleger, wie abgesprochen, ihr schonmal das Beruhigungsmittel zu verabreichen, damit sie morgens schläft, wenn es in den OP geht. Dazu erhält das MiniMi eine Art flüssiges Zäpfchen, das sie zwei Minuten später direkt in die Windel retour schickt. Mit Mühe schläft sie wieder ein, das Mittel scheint sich wohl komplett verabschiedet zu haben. Morgens freue ich mich, dass sie schläft, als ihre Begleitung in den OP erscheint. Kaum legen die Schwestern aber Hand an das Bett, schreit das MiniMi – und zwar regelrecht wie von Sinnen. Die Ärztin erspart ihr weitere Qualen und knockt sie mit einer Spritze regelrecht aus. Als sich die Aufzugtüren schließen, breche ich regelrecht zusammen. Bis dahin war ich stark und innerlich hart gegen mich. Nun schreie ich verzweifelt „Das ist mein Baby! Sie haben mein Baby mitgenommen!“ Erst im Büro der Sozialschwester komme ich wieder etwas zu mir. Sie lässt uns ungestört ein Ströphchen heulen, bespricht dann nochmal detailliert mit uns, was gerade mit dem MiniMi passiert und zeigt uns die Intensivstation, auf der wir das MiniMi wiedersehen werden. Dann heißt es warten, warten, warten.

Etwas, das wir in der Zwischenzeit erledigen, ist eine Milchpumpe zu organisieren. Nach der OP wird das MiniMi erstmal unter Beruhigungsmitteln gehalten und kann nicht stillen. Da wäre es gut gewesen, vorher ein Rezept vom Frauenarzt mitzunehmen, damit das etwas reibungsloser klappt. 

Wir gehen spazieren, erhalten einen Anruf, das wir ein Apartment im Ronald-Mc-Donald-Haus bekommen können, räumen das Pensionszimmer und ziehen im Haus ein. Der Mann ist mit den Nerven fertig und muss sich mehrmals setzen, um nicht umzukippen. Als wir gerade wieder im Auto sitzen, kommt der erlösende Anruf: Alles ist gut gegangen!

Einige Zeit später können wir das MiniMi auf der Intensivstation besuchen. Nichts, aber auch wirklich nichts hat uns auf diesen Anblick vorbereitet. Ungefähr tausend Schläuche und Kabel kommen und gehen aus allen erdenklichen Körperöffnungen. Klein und bleich liegt sie da, beatmet, nackt. Unruhig sei sie, wird uns gesagt. Vielleicht könnten wir sie besser beruhigen. Und so stehen wir zwei Tage lang an ihrem Bett, streicheln freie Hautstücke und singen leise das gesamte Repertoire an Wiegen- und Kirchenliedern, das wir zu bieten haben.

Wir sind eigentlich froh, dass wir nicht die ganze Zeit bei ihr sein dürfen, weil es so unfassbar anstrengend ist. Die Mittagspause und die Abende, die wir für uns haben, sind wichtig zur Erholung. Am ersten Abend spazieren wir regelrecht euphorisch durch den Kurpark und gehen dann fein essen. Ich glaube, dass es bei solchem Stress wichtig ist, gezielt Pausen uns Erholung zu suchen. Das kann ein Kaffee mit anderen Eltern sein oder morgens der Weg zu Fuß zur Klinik.

Sie schläft die gesamte Zeit, aber trotzdem bekommt sie mit, was mit ihr passiert. Als die Drainagen und die Beatmung gezogen werden, hat sie beide Male solche Angst, dass die Betäubung wieder verstärkt werden muss. Am dritten Tag darf das MiniMi schon hoch auf die normale Station. Sie erholt sich in den kommenden Tagen immer ein Stück mehr, und das sehr schnell. Es ist eine Freude, ihr dabei zuzusehen. Leider ist kein Mutter-Kind-Zimmer frei. Jeden Abend bringen wir das MiniMi irgendwie im Bett zum Schlafen, doch meist muss ich dann noch einmal ins Krankenhaus zurückkehren, weil sie wach geworden ist und nicht wieder schlafen will. Die Nachtschwestern kümmern sich rührend: Sie fahren das MiniMi im Kinderwagen rum, mit Wärmekissen am Bäuchlein und Spieluhr im Arm. Eine Tagschwester hat das MiniMi besonders ins Herz geschlossen: Sie erzählt uns am nächsten Morgen, dass sie das wache MiniMi mit zur Übergabe genommen hat und dann nach ihrem Dienst geblieben ist, um sie in den Schlaf zu tragen. Es tut weh, vom MiniMi getrennt zu sein, aber es tut gut, zu wissen, dass sich so liebevoll um sie gesorgt wird,

Als das MiniMi auf die normale Station verlegt wird, versuche ich auch wieder sie zu stillen. Leider vergebens: Sie spuckt die Brustwarze aus, als hätte sie ein rohes Stück Fleisch im Mund. Ich versuche es mehrfach, auch als ich sie schließlich wieder auf den Arm nehmen darf. Nichts hilft, das MiniMi akzeptiert nur noch das Fläschchen. So muss ich von einem auf den anderen Tag abstillen.

Wichtig für den Krankenhausaufenthalt ist es, die übliche Nahrung des Babys mitzunehmen. Natürlich gibt es Babymilch im Hospital, aber uns wurde auch gesagt, dass der Körper belastet genug ist. Da muss man nicht unbedingt den Darm noch an andere Milch gewöhnen.

Schon nach sechs Tagen ist das MiniMi so fit, dass wir sie mit nach Hause nehmen dürfen. Es ist unfassbar, wie schnell sich Kinder erholen. Auf der normalen Station hat sie ganz fix angefangen zu spielen und sich sogar wieder auf den Bauch zu drehen –  trotz durchsägtem Brustbein. Fünf Wochen nach der OP lernt sie zu robben.

Praktisch für Babys, die liegen müssen, sind Spielzeuge zum Aufhängen. Ein Stück Schnur oder Verband lässt sich gut vom Kopf-zum Fußende spannen und daran etwas interessantes in Armweite des Kindes zu befestigen. Wir hatten für das MiniMi unter anderem diesen Spielknoten, den sie sehr fesselnd fand.

Abschließend möchte ich sagen, dass uns in der Zeit des Krankenhausaufenthalts positive Unterstützung anderer Menschen sehr geholfen hat: Aufmunternde Worte von Eltern, Schwiegereltern und Freunden zum Beispiel, der Austausch mit den anderen Eltern im Krankenhaus – aber auch meine Twittertimeline war eine große Stütze.

Was wir gar nicht gebraucht hätten, war der Streit mit meinen Eltern, die unbedingt das MiniMi im Krankenhaus besuchen wollten. Gut gemeint ist nicht immer unbedingt gut. Da kann ich an dieser Stelle nur alle Angehörigen aufrufen, auf die Eltern des Kindes zu hören, was für dem kleinen Patienten gerade hilft und was nicht. Auch wenn einem das Wohlergehen und Schicksal des Kindes noch so berührt uns ans Herz geht, freuen sich kleine Babys einfach nicht über Besuch, Jubel und Trubel.

Nun ganz zum Schluss für alle Leser, die es vielleicht mal brauchen und damit etwas anfangen können, ein paar schöne Worte, die mir mein Chef schrieb und die mich sehr berührt haben: „An jenen Stellen des Weges, an denen nur noch eine Spur zu sehen ist und man meint, Gott sei nicht mehr mit einem gegangen, hat Gott uns getragen.“

 

P.S.: Interessant sind vielleicht noch die folgenden Posts zur Vorbereitung auf den kardiologischen Check-up und  Begleiten des Kindes bei der Untersuchung

Advertisements

3 Gedanken zu “OP und Krankenhaus – An der Seite des Kindes

  1. Uff. Das hast Du sehr schön geschrieben – ich kann mir vorstellen, daß es nicht leicht war, das alles nochmal Revue passieren zu lassen. Ich hoffe, daß jetzt alle Herzprobleme beseitigt sind, oder gibt es noch etwas, das weiterhin behandelt werden muß? (Falls Du meine Kommentare hier in den älteren Beiträgen überhaupt noch liest…) Toll: den Spruch von Deinem Chef hat mir eine meiner besten Freundinnen auch für meinen Klinikaufenthalt mit auf den Weg gegeben. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s