Gar kein großes Mädchen

Zuerst mal vorne weg: Das Herz vom MiniMi ist im Großen und Ganzen in Ordnung. Und sie hat sich sehr tapfer untersuchen lassen. Trotzdem ging es nicht ganz ohne Tränen. Für mich ist das auch vollkommen okay. Mein Motto beim Arzt ist im Zweifelsfall immer „Du darfst weinen, aber du musst stillhalten“.
Der Kardiologe und die Schwester, die für die Vorbereitungen zuständig ist, sehen das leider etwas anders. Beim EKG und beim Ultraschall darf der kleine Patient nicht weinen, sonst gibt es einfach keine zuverlässigen Werte. Soweit kann ich das noch verstehen. Unverständlich für mich hingegen war die schnelle und sehr robuste Art, die ruppigen „Aufmunterungsparolen“ mit der über die Angst meines Kindes hinweggegangen wurde.
Klar, diese Untersuchungen sind nicht schmerzhaft. Und klar, im klinischen Alltag gibt es viel zu tun und alles muss möglichst schnell gehen. Der heutige Check-up-Termin war aber geradezu enttäuschend, nachdem wir bislang fast ausschließlich gute Erfahrungen in MiniMis Medizinhistorie gemacht hatten.
Schon beim Betreten blaffte uns die Schwester (die wir in der Tat auch bei vorherigen Besuchen schon als unfreundlich kennengelernt hatten) an: Nur einer dürfte bei den Voruntersuchungen dabei sein. Wir protestierten. Bei allen anderen Besuchen waren wir gemeinsam dabei gewesen und es ist ein wirklich großer Raum, in dem es nicht zu voll gewesen wäre. Nein, antwortete sie, dass sei schon seit einer Weile so. Nur einer. Der Mann bot freiwillig an, mit He-Man draußen zu warten. Den sarkastischen Kommentar „Und nächstes Jahr darf dann keiner mehr mit rein kommen, oder was?“ konnte ich mir nicht verkneifen.
Dann kamen ratzfatzruckzuck alle Untersuchungen hinterher: Wiegen, messen, Blutdruck, EKG. Ich hielt das MiniMi im Arm fest, während die Schwester ihr Ding einfach durchzog und dabei immer laut polternd mit Spielzeug dem MiniMi vor der Nase rumwedelte. Ich erklärte dem MiniMi möglichst ruhig was passierte. Auf jedes „Nicht weinen!“ sagte ich bestimmt „Du darfst ruhig weinen. Ich verstehe, dass Du Angst hast.“ Sie beruhigte sich ganz schnell und das EKG klappte problemlos, während ich ihr ein bisschen ins Ohr sang. Nach den Untersuchungen ging die Schwester ins Nebenzimmer. Ich flüsterte dem MiniMi erleichtert zu „Puuuh, die Frau mag ich gar nicht.“ Das MiniMi stimmte laut zu „Ich auch nicht.“
Diese Hauruckprogramm hatte ich von genau dieser Mitarbeiterin auch erwartet. Was mich und auch Herrn Zeitlos wirklich enttäuschte, war, dass es beim Arzt drinnen ähnlich weiter ging. Als das MiniMi noch ein Baby war, war er immer sehr einfühlsam und verständnisvoll ihr gegenüber. Jetzt hieß es immer „Zeig mal, dass du ein großes Mädchen bist.“ und „Du brauchst doch nicht weinen.“. Zwei Sätze, bei denen mir die Nackenhaare hochstehen. Schon direkt am Anfang, als das MiniMi noch ganz eingeschüchtert auf der Liege saß und nicht mal ihr Shirt ausziehen wollte, zog er ihr am Schnuller: „Zeig mir doch mal dein Gesicht. Ich will wissen, wie du aussiehst.“ Das mag vielleicht lustig gemeint sein, aber ich käme im Leben nicht auf die Idee, einem Kind mit Tränen in den Augen auch noch seinen Seelentröster wegzunehmen!
Innerlich brodelte ich, äußerlich blieb ich ruhig, murmelte dem MiniMi auch hier Erklärungen ins Ohr: was passierte, dass oben ihr Herz im Fernsehen zu sehen ist, usw. Dabei hielt ich ihre Händchen, ließ mich von ihr in den Haaren kraulen und versuchte gleichzeitig den spärlichen Erklärungen sowie den Ultraschallbildern zu folgen. Keine leichte Aufgabe, das medizinische Kauderwelsch zu verstehen und gleichzeitig auf ein verängstigtes Kind einzugehen.
Das MiniMi hat sich sehr, sehr wacker geschlagen. Aber sie ist nunmal kein großes Mädchen. Sie ist gerade mal zwei. Selbst wenn sie zwanzig wäre: Vor unbekannten Situationen darf man ruhig Angst haben. Und ich finde, es stünde medizinischem Fachpersonal gut zu Gesicht, dann mal einen Gang runter zu schalten und auf die Angst der Patienten einzugehen, egal wie groß oder klein.

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4 Gedanken zu “Gar kein großes Mädchen

  1. und wenn sie das mal begreifen würden und auf die Kinder eingehen, dann würden sie mal merken, wie viel mehr sie dann auch wirklich kooperieren und selbst ein wenig gespannt und interessiert mitmachen. Naja, leider immer wieder das alte Leid. Bei uns ist es auch die Schwester die dann Sachen sagt wie „Was regst Dich denn so auf? Das tut doch gar nicht weh.“ Die Kardiologinnen sind hingegen meist sehr sehr lieb und geduldig. Nunja, ich bin gespannt wie es wird bei uns. Und freue mich, dass bei Euch soweit alles ok ist. Immer wieder schön, wenn der nächste Termin ein Jahr in „weiter Ferne“ liegt…

  2. Ich werde so wütend wenn ich sowas lese. Sie ist zwei! Da sind ihr unbekannte Menschen und fassen sie an, ist doch total verständlich dass sie Angst hat.
    Euer armes Mädchen.

  3. Pingback: OP und Krankenhaus – An der Seite des Kindes | frauzeitlos

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