Die kleine Raupe Nimmersatt

Eigentlich wollte ich schon lange was zum Thema Stillen/Füttern schreiben, hab das aber immer wieder auf die lange Bank geschoben. Der gestrige Beitrag von Mama Miez und die vielen Kommentare dazu haben mir aber deutlich vor Augen geführt, wieviele Neu-Mamis mit dem Problem zu kämpfen haben. Auch hier war das Trinken von Anfang an kein Zuckerschlecken. Jetzt noch empfinde ich dieses Thema als meine ganz persönliche Achilles-Ferse des Mutterseins.

Das MiniMi hatte bei der Geburt viel Blut geschluckt und hat dementsprechend den ersten Tag nur angeekelt vor sich hingewürgt. Kein Interesse an der Brust zu trinken. Sie wurde auch immer müder und nahm eine wirklich bezaubernde quittegelbe Farbe an. Hebammen und Schwestern (übrigens ein ganz dolle stillfreundliches Krankenhaus!) mühten sich gemeinsam mit mir, das Kind an die Brust zu bekommen. Am Abend des ersten Tages begannen die Schwestern, sich Sorgen zu machen – ich machte sie mir schießlich schon den ganzen Tag. Ich sollte versuchen, ihr nach jedem Stillversuch etwas Tee zu geben. Auch das war nur von geringem erfolg gekrönt. Wir probierten einen Sauger nach dem anderen durch, bis sie sich mal ein paar Milliliter einflößen ließ.

Am zweiten Tag wurde es ein bisschen besser: Sobald das MiniMi auch nur ein klein wenig blinzelte, dockte ich sie sofort an und freute mich über jede Minute, die sie an der Brust blieb – auch wenn sie immer noch sofort wieder einschlief. Am dritten Tag konnte ich Vormittags voller Stolz bei der U2 sagen, dass das Stillen jetzt endlich klappt. Der Bilirubinwert des MiniMi war zwar grenzwertig, aber sie hatte nur 200 Gramm abgenommen.

Wir wurden aus dem Krankenhaus entlassen mit der Maßgabe sofort zurückzukommen, wenn das MiniMi irgendwie schlapper wird als es eh schon war. Schon am ersten Abend ließ sich das MiniMi nicht mal mehr anlegen. Nach einer Stunde rumprobierens, rief ich ganz verzweifelt meine Hebamme an, die nur – ganz pragmatisch – meinte: „Mach ein Fläschchen. Hauptsache du kriegst Essen in das Kind.“ Es war Samstagabend und ich war sehr froh, vorsorglich Fläschchen (Achtung Schleichwerbung: Avent mit Neugeborenem-Sauger) und Milch gekauft zu haben.

(Im Geburtsvorbereitungskurs wurde davon abgeraten und auch in einigen StillbüchernD las ich vorher, dass einen das nur dazu bringen würde vorzeitig aufzugeben. Ich kann nur sagen: Falsch, falsch, falsch! Als wenn man nicht genug belastet wäre, wenn man nach der Entbindung nach Hause kommt. Da muss man sich nicht auch noch damit abplagen, nachts oder am Wochenende in der nächsten Notdienst-Apotheke Nahrung und Flaschen zu besorgen, während das Neugeborene vor Hunger schreit (oder auch schon nicht mehr…). Das ist nicht nur eine Erfahrung, die ich keinen jungen Eltern wünsche. Das ist auch eine Erfahrung an existenzieller Not, die man einem frisch geborenen Baby ersparen sollte. Soweit meine zwei Cent dazu)

Die ersten drei Wochen Stillen mit dem MiniMi waren dann ein einziger Kampf gegen die Gelbsuchts-Müdigkeit. Meist wurde nur eine Seite halbwegs getrunken – und auch nur nach ein paar „Lock“-Zügen an der Flasche. Anscließend gab es ein Ergänzungsfläschen und die andere Seite wurde gepumpt – mit mäßigem Erfolg. Meine Hebamme mache sich nach einigen Tagen ernsthaft Sorgen um das MiniMi und fing an, einen festen Abpump-und-Fütterungsplan für Mama und Papa auszuarbeiten. Der Blick auf die Waage aber zeigte: Das kleine Mädchen hatte sein Geburtsgewicht schon eingeholt. Sie nahm also auch mit unserer intuitiv zusammengestöpselten Fütterungsmethode zu. Eine große Erleichterung für uns!

Von Anfang habe ich jede getrunkene Minute penibelst im Stillprotokoll festgehalten. Es war schön zu sehen, dass es jeden Tag etwas mehr Minuten waren, die wir geschafft haben zu stillen, und etwas weniger Milch war, die wir zufüttern mussten. Teilweise habe ich schießlich bis zu sechs Stunden innerhalb von 24 Stunden gestillt… Und dabei immer schön alle zehn Minuten wechseln, damit das Kind wieder etwas wach wird und beide Seiten gleichmäßig angeregt werden. Uffz.

Ab der dritten Woche wurde es dann besser: Trotz ihres Herzfehlers meisterte das MiniMi das anstrengende Stillen, so dass sie weiter in geringem, aber ausreichendem Rahmen zunahm. Die Abstände zwischen den Mahlzeiten dehnten sich ein klein wenig aus – auf zwei bis manchmal sogar zweieinhalb Stunden tagsüber (Nachts gingen übrigens von Anfang an vier Stunden). Auch unsere Hebamme gab zu, dass sie fast nicht mehr dran geglaubt hatte, dass wir die Kurve noch kriegen würden beim Stillen.

Der zwischenzeitliche Krankenhausaufenthalt hat dann zwar unseren Rhythmus runiniert, aber das Stillen klappte weiterhin recht ordentlich. Ein paar wunderbare Wochen waren das. Mit der Zeit kamen wir mit 20 Minuten Stillen an jeder Seite, alle zweienhalb Stunden aus. Selbst das abendliche Cluster-Feeding bzw. Dauerstillen erledigte sich von selbst.

Mit dem 12-Wochen-Schub, der ja gerade mal drei Wochen her ist, wurde das MiniMi allerdings immer hungriger. Die Mahlzeiten dehnten sich wieder aus, aber das Kind wurde nicht satter. Ich erinnere mich, dass ich an einem Abend 60 Minuten gestillt habe. Weil das MiniMi weiter schrie machte ich ihr eine Flasche mit 170 ml Pre-Nahrung, die sie einfach so wegzuppte. Alle Maßnahmen – Stilltee, Malzbier, kalorienreiches Essen, warme Umschläge, Massage, ständiges Anlegen etc. pp. – nutzten nichts, um die Produktion hochzutreiben.Ich war zutiefst frustriert und zweifelte an mir. Drei beginnende Brustentzündungen in einer Woche zehrten weiter am Selbstbewusstsein. Außerdem hing der Haussegen schief: Herr Zeitlos gefiel es natürlich auch nicht, dass sein kleines Mädchen ständig hungrig war, und kam immer direkt mit der Flasche um die Ecke. Das wiederum machte mich wütend: Ich stillte das Kind schließlich. Wie, wann, was zugefüttert wurde, weil ich mit meinem Körper, meiner Seele und meinem Latein am Ende war, bestimmte immer noch ich.

Wieder suchte ich Rat bei meiner Hebamme. Sie hat mich wieder aufgebaut und war mal wieder herzerfrischend pragmatisch: Zufüttern nach der Stillmahlzeit ist okay. Nach 15 bis 20 Minuten an jeder Seite ist der Löwenanteil der Milch eh weggetrunken. Tatsächlich ist bei mir manchmal schon nach fünf oder zehn Minuten der „Druck aus dem Kessel“. Zum einen habe ich wohl wirklich einfach zu wenig Milch, zum anderen trinkt das Kind wegen des Herzfehlers häufig auch nur mit sehr wenig Schmackes. Sie schläft dann gerne nach drei, vier Minuten ein. Wäre sie ein Staubsauger, litte sie wohl unter „Saugkraftverlust“. Auch ein Wechseln der Stillseite nach jeweils fünf Minuten brachte keine Besserung. Ein sich selbst verstärkender Kreislauf, da die Milchproduktion ja erst durch das Saugen wirklich angeregt wirkt.

Jetzt gibt es tagsüber halt einfach Fläschchen nach dem Stillen. Insgesamt nimmt das Kind sich von der angebotenen Milch so etwa 350 ml am Tag. Seitdem ist das MiniMi geradezu explodiert und hat 800 Gramm in drei Wochen zugenommen, obwohl sie entwässernde Medikamente nimmt (und sich ganz nebenbei in kürzester Zeit aus Kleidergröße 56 einfach durch die 62 hindurch in 68 hineingefressen hat. Die ganzen schönen Sommersachen umsonst gekauft!).

Dass es ihr mit der zusätzlichen Nahrung so gut geht, gibt mir auf einer sehr rationalen Ebene die Gewissheit, dass das so okay ist und das ich richtig gehandelt habe. Im Herzen bleibt aber, so bescheuert das auch ist, immer das Gefühl, als Mutter in diesem Punkt versagt zu haben. Ich bin eigentlich sehr undogmatisch an das Thema rangegangen: Wenn das Stillen klappen würde, wäre es in Ordnung, wenn nicht, dann halt nicht, hatte ich mir vor der Geburt eingeredet.

Meine Mutter erzählte mir schon häufig mit Tränen in der Stimme, dass sie mich gerne gestillt hätte, sie aber in den 1980ern gar keine Hilfe dazu im Krankenhaus bekam und dass sie das bis heute bereut. Ich war stets peinlich berührt und konnte da snicht nachempfinden. Die langen gemeinsamen Stunden mit dem MiniMi in der Sofaecke, der gemeinsame Kampf und die vielen Tränen um jedes Anlegen und jede Stillminute, haben aber doch einen ganz besonders innigen Bindungsweg zum MiniMi geschaffen, der mir beim Fläschengeben einfach fehlt. (Ob er dem MiniMi auch fehlt oder nur mir gefühlsduseligen Alten sei mal dahingestellt.) Das sticht jetzt gerade sehr und das wird es auch noch eine Weile tun. Weil Gefühle sich einfach nicht so schnell durch Logik beeinflussen lassen. Aber wie sagte mein alter Lateinlehrer gerne: Der Zahn der Zeit wir auch über diese Wunde Gras wachsen lassen.

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6 Gedanken zu “Die kleine Raupe Nimmersatt

  1. ich lese schon ein weilchen still mit. möchte aber gern hierzu gern etwas beitragen. nämlich, dass mir deine situation sehr bekannt vorkommt. bei mir und meinem sohn (mittlerweile 2 jahre) war es sehr ähnlich. bei uns kamen auch mangelnde saugkraft (er war relativ zart bei der geburt) und vermutlich zu wenig milch zueinander. ich führte ebenso wie du ein stilltagebuch, wog vor und nach dem stillen. pumpte zur anregung ab (nachts war ich da mal gut und gerne 2h wach für 1 still-abpumpsession). nach 2 monaten entschloss ich mich zuzufüttern. mit dem zufüttern erledigte sich das stillen leider recht schnell, was mir bewusst war. ich schloss meinen frieden damit. das brauchte aber eben auch zeit, ganz wie du es schreibst. jetzt, mit etwas abstand, kann ich mit der tatsache ein flaschenkind gehabt zu haben, auch gut leben. emotional und auch logisch. schön, dass ihr eine methode gefunden habt, mit der ihr euch wohl fühlt. ich wünsche euch, dass es noch lange so funktioniert! und wenn nicht – das mit dem zahn und der zeit stimmt wirklich 🙂

  2. Danke für deinen Beitrag! Ich finde es wichtig, dass es für andere Mütter im Netz möglichst viele ausgewogene Berichte zum Thema Stillen gibt. Da sind unsere beiden Stimmen doch gute Beispiele, dass ein reines „Jede Frau kann Stillen“ einfach nicht immer stimmt – egal wieviel Mühe man sich gibt.

  3. Ich finde, Du hast absolut recht. Dieses Gerede von wegen jede Frau kann stillen und Pre „versaut“ die Kinder ist einfach nur ätzend. Bei uns hat es auch nicht gleich geklappt und natürlich war es ein Sonntag, an dem wir die Heimreise aus der Klinik antraten. Zum Glück hatte eine Freundin mir in weiser Voraussicht eine Packung Pre und ein paar Fläschchen vermacht. Ein Neugeborenes, das 24 Stunden lang hungrig an meinem Finger nuckelt und dem ich nichts geben (stillen) kann, diese Erfahrung ist tatsächlich existenziell und niemandem zu wünschen! Wir haben die Pre zum Glück nur 2 Tage lang gebraucht und alles wurde gut, aber trotzdem würde ich jeder Schwangeren raten, so ein backup bereit zu haben. Ich hab damals (also vor 3 Monaten!) auch gedacht, ich still dann halt und gut is. Dass das leider nicht immer (oder eher gesagt sogar ziemlich oft) nicht reibungslos von Anfang an klappt, das sollte man sich schon klarmachen, auch um Enttäuschungen vorzubeugen.
    Mach weitere so, ich lese hier immer gerne mit.

  4. Danke für das Lob und deine Erfahrung! Ich bin sehr froh, dass ich eine so pragmatisch eingestellte Hebamme habe. Sie hat mir auch in den ersten Tagen gesagt „Stillen ist die ersten vier Wochen immer scheiße.“ Das war mir gleichzeitig Trost und Ansporn durchzuhalten.

  5. Ach naja, wir hatten ja ähnliche Probleme und inzwischen habe ich mich ein bisschen mit allem versöhnt. Ich bin inzwischen der Meinung, dass Stillen eben nicht die natürlichste Sache der Welt ist, weil es, nach den vielen Berichten, die ich gehört habe, am Anfang nämlich häufig Probleme bereitet. Nicht für umsonst gibt es so eine Statistik, die sagt, dass 90% aller Mütter nach der Geburt stillen, es nach 3 Monaten aber nur noch 60%. Bitte nagel mich nicht fest mit den Werten, aber es zeigt deutlich, dass die meisten nach den ersten Schwierigkeiten aufgeben und einfach die Flasche geben.
    Aus diesem Grund ist das A und O wohl eine gute Stillberatugn bereits im KH und später eine gute Hebamme zu haben, die mit einem zusammen durch all diese großen und kleinen Hürden geht.
    Bei uns fing es damit an, dass die Prinzessin zwar saugte wie blöd, aber nur wenige Minuten, dann nuckelte sie eher und schlief viel zu schnell ein. Sie trank also nicht effektiv genug. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ich wohl 3-4 Stunden am Stück stillen können, aber das wollte und konnte ich nicht. Von den anfänglichen Schmerzen beim Saugen will ich gar nicht sprechen, ich hatte sage und schreibe 6 Wochen lang bei jedem Ansaugen darunter zu leiden, so dass ich die Zähne fest zusammen beißen musste. Das Stillen schön und erfüllend sein soll, konnte ich mir bis dahin niemals vorstellen.
    Wir haben dann mit der Zufütterung in der Flasche die Kurve gekriegt, denn nach dem ersten Wachstumsschub kam die Prinzessin mit ihrer Trinktechnik nicht weiter und mir fehlten die Nerven für noch längere Stillsessions (dabei saß ich zu Beginn schon immer 40-60 Minuten alle 3-4 Stunden). An der Flasche konnte sie auch im Schlaf trinken.
    Ich habe es mit der Zeit einfach akzeptiert und war sogar froh, auf diese Weise flexibler zu sein. Zwar ist das zusätzliche Flaschemachen hinterher aufwendiger, aber ich konnte auch mal spontan unterwegs nur Stillen oder der Papa nur die Flasche geben, wenn ich abwesend war. Hatte sie einen Wachstumsschub bekam sie einfach mehr Flaschenmilch hinterher, ich musste nicht länger stillen. Wir kamen so gut zurecht. Nachdem der Brei eingeführt war, stillte ich morgens und abens nur noch (ohne Flasche hinterher).

    Was ich eigentlich sagen wollte, jedes Kind und jede Mutter braucht wohl seinen eigenen Weg. Bei den einen klappt es spontan einfach so, bei anderen muss erst ein bisschen gekämpft und evtl. zugefüttert werden. Es gibt kein Rezept für alle!

    Ich finde gut, dass du eure Schwierigkeiten mal so hier festgehalten hast. Ich muss zu dem Thema auch unbedingt noch was schreiben…

  6. Ja, schreib da unbedingt mal zu. Wie ich schon sagte: Erfahrungsberichte kann es nicht genug geben. Es bestätigt sich einmal mehr: Nicht jede Frau kann stillen, aber jede kann es zumindest versuchen!

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