Der Mythos von der weiblichen Solidarität, oder: Vallah, der Typ hat die Frau angepackt

  • In meine Lektüre und die Musik vertieft sitze ich am Bahnsteig, als mir plötzlich jemand über den Kopf streicht. Und wieder. Irritiert blicke ich auf: Da steht ein junger Mann mit leerem Blick. In der rechten Hand eine Dose Jack Daniels mit Cola, die linke Hand auf meinem Kopf. „Nimm Deine Finger weg!“ sage ich. Er antwortet „Nein.“ und streicht wieder. „Ich hab gesagt, nimm Deine Finger weg!“ wiederhole ich. Er schüttelt den Kopf und streicht nochmal. Mir kribbelt der Rücken vor Ekel. Ich bin doch kein Hund. Wäre ich einer hätte ich ihn bestimmt schon gebissen. „Willst Du, dass ich die Polizei rufe?“ frage ich. Er sagt „Ja“ und streicht wieder. „Beweg Deine Finger nochmal in meine Nähe und ich ruf wirklich die Polizei“, drohe ich. Seine Hand landet an meinem Arm. Mit einem „So.“ klappe ich mein Buch zu, stoppe das Radio in meinem Handy und wähle die Nummer der lokalen Polizeidienststelle.
  • Positiv: Die Halb- oder besser Drittelstarken Jungs, die das Ganze beobachtet hatten. Sie riefen immer mehr Freunde hinzu: „Vallah, der Typ hat die Frau angepackt!“ Die ständig wachsende Gruppe strotze vor südländischem Kavalierssinn und blieb bei mir, bis die Polizei da war. (Ich will mal großzügig darüber hinwegsehen, dass sich die Hälfte beim Anblick der Beamten in den Zug verkrümelte. Und dass ich den Truppe davon abhalten musste den Kerl zu verprügeln.)
  • Negativ: Die Frau, die sich zwischenzeitlich neben mich gesetzt hatte. Sie fühlte sich von meinen jugendlichen Beschützern gestört und wurde komplett ausfallend, als sie hörte, dass ich auf die Polizei wartete. Ich hätte ja einfach weggehen können, so ihr Vorschlag wie ich mit der Belästigung hätte umgehen sollen. Dass ich nicht die Schuldige kam ihr nicht in den Sinn.“Unverschämte Verschwendung von Steuergeldern“ war noch das Netteste, was sie zu sagen hatte. Die nach unten offene Skale endete bei „Sie können ja froh sein, überhaupt angefasst zu werden“ bevor sie in den Zug einstieg.
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2 Gedanken zu “Der Mythos von der weiblichen Solidarität, oder: Vallah, der Typ hat die Frau angepackt

  1. Nee, näh?
    Also ersterer Vorfall ist ja schon heftig, wenngleich vielleicht auch auf ein armes Seelchen zurückzuführen, welches irgendwelchen Drogen verfallen ist.
    Aber letzterer – das sind diese wenigen Momente, wo selbst dem schlagfertigsten Menschen die Spucke wegbleibt, hmm? Also ich wüßte jetzt nichtmal nach erneutem lesen, was ich darauf hätte sagen bzw. reagieren können. Am Ärmel aus dem Zug zerren, so daß sie ihn verpasst, vielleicht.

  2. Ich weiß jetzt noch nicht, was ich hätte sagen sollen/müssen. Wollte auch nicht unbedingt handgreiflich werden, nachdem ich das den Jungs gerade verboten hatte…
    Aber: Die Trulla ist nicht das erste Mal morgens am Bahnsteig gewesen (anscheinend Pendlerin) und ich wette auch nicht das letze Mal. Man sieht sich immer zweimal, sach ich nur.

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